Liebe Natascha,

vielen Dank für Deine großartige Homepage, die auch mir in meiner Zeit mit „akutem Schilddrüsenärger“ sehr weitergeholfen hat. Jetzt möchte ich gerne auch ein bisschen dazu beitragen.
Rückblickend lässt sich sagen, dass ich wahrscheinlich schon ziemlich früh in meiner Kindheit Probleme mit der Schilddrüse hatte.
Schon als Grundschülerin hatte ich immer wieder Unruhe- und Angstzustände, aber das wurde als psychisches Problem abgetan (ich bin eine Frühgeburt, das reichte allen Beteiligten als Erklärung) und nie weiter verfolgt, zumal es auch immer wieder phasenweise kam und eben auch wieder wegging.

Später, im Frühsommer 1987, ging es dann los mit ganz schlimmen Angstattacken , die aus dem Nichts kamen und sich bis zur Todesangst hin steigerten.
Es kam bald so schlimm, dass ich nicht mehr die Wohnung verlassen konnte. Schule und so weiter fiel natürlich flach.
Mein Hausarzt hatte damals einmal erwähnt, er würde uns vielleicht noch eine Überweisung zum Endokrinologen empfehlen, aber das hat meine Mutter als sinnlos angesehen, und ich war damals auch zu sehr verunsichert, um darauf zu bestehen.

Es kam, was kommen musste, und so kam es zu meinem ersten Aufenthalt in der Psychiatrie.
Das brachte so ziemlich nichts, wieder nach Hause zurückgekehrt, standen wir alle bald vor den gleichen Problemen.
Also wieder zurück in die Psychiatrie und danach in eine heilpädagogische Einrichtung. Irgendwann hörte es dann zwischenzeitlich mit den Angstanfällen auch wieder auf, was dann als Erfolg der Maßnahmen angesehen wurde.
Während der ganzen Zeit hatte ich den Eindruck, dass das Problem nicht gelöst war und fürchtete mich immer davor, dass es mich irgendwann wieder einholen würde.
Allerdings habe ich seitdem den „Psychostempel“ weg.

Nach acht Monaten zog ich dann wieder zurück zu meinen Eltern und es folgten symptomfreie Jahre, in denen ich meine Ausbildung absolvierte und heiratete, bis es mich 2003 so richtig heftig wieder einholte.
Auf einmal begann ich, an Gewicht zuzunehmen, ich hatte richtiggehende Schwächeanfälle, vor allem mittags eierte ich dann herum wie ein Zombie… ich konnte einfach nicht mehr.
Und auch die Angstanfälle kamen wieder. Später kamen dann noch ganz massive Schlafstörungen dazu.
In dieser Zeit bin ich dann andauernd zu meinem damaligen Hausarzt gelaufen.
Der stellte dann einen Eisenmangel fest und verschrieb mir Tabletten, aber auch als der Eisenspiegel wieder in Ordnung war, hörten die Symptome nicht auf.
Es folgten Antidepressiva und Schlaftabletten, aber nichts wurde besser. Teilweise habe ich nur zwei oder drei Stunden geschlafen.
Dann fing es auch noch an mit Herzrasen, ich saß in der Straßenbahn mit einem Ruhepuls von 150 und fragte mich panisch, wie lange mein Herz das durchhält, bevor es einfach stehen bleibt.
Ultraschall vom Herzen blieb aber ohne Befund, auch das Langzeit EKG, weil ich das eben nicht jeden Tag hatte, und an diesem Tag hatte ich eben einen meiner besseren Tage…

Irgendwann gab ich einfach auf, ich kann meinem damaligen Arbeitgeber noch nicht mal verübeln, dass er mich gekündigt hat.
Aber das machte natürlich alles nur noch schlimmer, ich war richtig übel deprimiert, Mann und Eltern waren natürlich auch sehr irritiert und verständnislos, kein Wunder, denn es gab ja nichts Greifbares.
Eine Untersuchung beim Neurologen ergab auch nichts, dafür legte mein Hausarzt mir schließlich eine Psychotherapie ans Herz, schließlich hätte ich doch damals auch schon diese Angstzustände gehabt…
aber diesmal war ich schlauer und lehnte ab.

Endlich, im Sommer 2005, war mein Hausarzt so genervt von mir, dass er mich zum Nuklearmediziner schickte.
Da hörte sich zum ersten Mal jemand die Liste meiner Beschwerden an ohne mich als psychisch gestört zu bezeichnen, und kam zu dem Schluss, dass diese Beschwerden durchaus von der Schilddrüse kommen können.

Nach Ultraschall, Szintigramm und Blutuntersuchung stand dann die Diagnose Hashimoto fest.
Allerdings meinte mein Hausarzt bei der Befundbesprechung, dass ich erstmal nur ein halbes Jahr Tabletten nehmen solle, und dann werde man mal weitersehen…
Ich dachte, ich kriege die Krise, ich hatte mich mittlerweile im Internet umfassend informiert und wusste, dass Hashimoto eine lebenslange Angelegenheit ist
(sechs Wochen später, beim nächsten Termin, ist er dann übrigens zrückgerudert und musste dann doch zugeben, dass dann doch eine lebenslange Einnahme von Schilddrüsenhormonen nötig ist – das hat mich dann aber nicht so sehr geschockt, weil ich es ja auch dem Internet schon wusste).
Aber der erste Schritt war gemacht: ich bekam endlich das so dringend benötigte Thyroxin!

Innerhalb der nächsten sechs bis acht Wochen besserte sich mein Zustand erheblich, und im ersten Jahr haben sich auch noch so viele weitere kleinere Wehwehchen gegeben, wenn auch bis heute leider nicht alle.
Aber natürlich war das alles nur die Psyche... merkwürdig nur, dass es sich vieles mit der Einnahme von Thyroxin so sehr verbessert hatJ.

Meine Mutter arbeitet mit psychisch kranken Menschen, und einmal erzählte mir, sie habe zwei Patienten mit Hashimoto, aber die Schilddrüse könne ja keinen Einfluss auf den psychischen Zustand dieser Leute haben.
Dabei blieb sie auch, als ich sie fragte, ob sie nicht findet, dass das eine ziemliche Häufung ist, wenn sie direkt zwei Hashimotopatienten auf der Station hat.
Na ja, das ist nur bezeichnend für den allgemeinen Wissensstand, eben auch von Fachpersonal.
So verständlich das Unverständnis der Umwelt einerseits ist, weil diese Art von Krankheiten nun mal nicht so offensichtlich ist wie ein eingegipster Arm, so frustrierend ist es eben auch.

Ich habe auch in der Folgezeit viel im Internet recherchiert und vieles ausprobiert. Vieles hat mir nicht geholfen, aber manches war wirklich hilfreich.
Das Highlight war sicherlich, dass ich wieder mit Sport angefangen habe, das tut mir so was von rundum gut, auch wenn ich manchmal den inneren Schweinehund sehr heftig in die Kehrseite treten muss.
Es hat sich auch gelohnt, ein Auge auf meine Ernährung zu werfen. Ach ja, und ich habe mir einen anderen Hausarzt gesucht, bei dem ich mich besser damit aufgehoben fühle, der ist allerdings kein Allgemeinmediziner wie der vorherige sondern Internist.

Im Moment geht es mir relativ gut.
Es ist dabei geblieben, dass nicht alle Symptome verschwunden sind, vor allem in der Psyche rappelt es manchmal immer noch, dass ich Panikattacken habe oder mich unruhig fühle, und die zehn Kilo, die ich in dieser Zeit zugenommen habe, sind hartnäckig.
Und ich fühle mich häufiger müde und antriebsarm als andere, was aber auch daran liegen kann, dass ich von Zeit zu Zeit immer noch schlecht schlafe.
Aber ich finde es ungeheuer erleichternd, dass ich die Ursache kenne – das ändert zwar nichts an den Problemen, aber es hilft mir, damit umzugehen.
Immerhin klappt es auch mit dem Arbeiten wieder ganz gut. Auch, wenn ich nicht die Energie habe, tausend Dinge in mein Leben zu packen, ein bisschen was geht doch, und wenn ich gut mit meinen Kräften haushalte, komme ich ganz gut zurecht.
Und es ist auch hilfreich, dass mein Mann mich unterstützt und zu mir hält, ohne das wäre es natürlich ungleich schwerer.

Also, das war es von mir.
Ich wünsche uns allen, die wir Probleme mit der Schilddrüse haben die Kraft, das Beste aus unserem Leben zu machen, egal, welche inneren und äußeren Widerstände sich uns dabei auch in den Weg stellen.
Es lohnt sich!

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